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26. ISGF-Weltkonferenz, Villa Olmo, Como, Italien

26. September bis 2. Oktober 2011

unter dem Motto «Gemeinsame Güter: Wasser, Erde, Luft»

Eine Woche Sommer im Herbst in Como. Die grosse Mühe von MASCI (Movimento Adulti Scout Cattolici Italiani) mit der Organisation der 26. ISGF-Weltkonferenz hat sich gelohnt. Es war eine schöne und eindrückliche Konferenz mit wunderbarem Abendprogramm über die ganze Woche, das ehemalige und immer wieder sehr viele aktive Pfadi gestalteten und Aussergewöhnliches darboten. Ich glaube, Federico Fellini hätte seine helle Freude gehabt an all den romantisch-skurrilen clownesken Momenten und der Musikformationen, die wir geniessen durften, dank dem Einfallsreichtum und all der Talente der jungen und alten Pfadi der Umgebung. Ihre Talente einsetzen durften auch die Absolventen einer Schule für Gastronomiepersonal, die der Konferenz die Kellnerlehrlinge und -lehrtöchter immer wieder zur Verfügung stellte. Waren doch insgesamt mit dem Hilfspersonal (vorwiegend bestehend aus ehemaligen Pfadi) jeweils zwischen 500 und 600 Leute aus 45 Ländern anwesend, die in den Pausen ihren Durst mit massenhaft Gratisgetränken und einem anständigen Kaffee löschen konnten. Bravo, bravissimo! und herzlichen Dank unseren Altpfadifreunden aus Italien.

Aus der Schweiz waren 11 Ehemalige dabei: als Delegierte Peter Huber/Büsi, Marc Barblan/Marsouin, Esther Hausammann/Mungo, Hansjörg Hirt/Omag. Und als Beobachter: Louisette Gottraux, Sita Leumann/Stume, Marianne Walter/Plisch, Chlaus Walter, Max Nydegger/Nidle, Marianne Müller/Mutz, Annemarie Geissbühler/Darsie. Zum Pech der einen waren sie wie viele andere Teilnehmer in einem Hotel in 10 km Distanz von der Villa Olmo entfernt untergebracht. Das Hotel war klasse, aber die schlechte Organisation des Transports zwischen diesem Hotel und der Villa erschwerte ihren ganzen Aufenthalt beträchtlich. Die Taxifahrer hatten deshalb einen besonders goldenen Herbst, ebenso das herzige Bistro im Parkrand, wo man sich in der schattigen Gartenwirtschaft in Polstergruppen und auf einer romantischen Plattform direkt über dem See zusammen mit alten Bekannten aus anderen Ländern bestens erholen konnte.

Die Villa Olmo

Der Ort, wo die Konferenz vonstatten ging, die Villa Olmo mit öffentlich zugänglichem Park, war eine ideale und ungemein schöne Umgebung für alle – Teilnehmer wie Organisatoren.

Bei Wikipedia ist zu lesen: «Die Villa Olmo wurde im Auftrag des Marquis Innocenzo Odescalchi 1782 bis 1797 im klassizistischen Stil erbaut. Begonnen wurde der Bau unter dem Schweizer Baumeister Innocenzo Regazzoni aus Balerna und vollendet vom Baumeister Simone Cantoni aus dem Tessin, unter Mitarbeit von Domenico, Carlo, Luca und Giuseppe Pozzi und des Bildhauers Caraballi. Der Name Villa Olmo leitet sich von einer hundertjährigen Ulme (ital. Olmo) ab, die hier stand. Die Villa beherbergte zahlreiche berühmte Persönlichkeiten, darunter Napoleon und Metternich. Auch Marschall Radetzky weilte hier. Nach einigen Handwechseln unter italienischen Adelsfamilien wurde die Villa 1924 von der Gemeinde Como gekauft. Seit 1982 ist sie Sitz des Centro Volta und wird ausserdem für zahlreiche Ausstellungen, Kongresse und Veranstaltungen genutzt.»

Namensgeber dieses wunderschönen Zentrums ist Alessandro Giuseppe Antonio Anastasio Graf von Volta (1745–1827) aus Como. Er war ein italienischer Physiker und er erfand die Batterie. Er gilt als einer der Begründer des Zeitalters der Elektrizität. Damals wusste noch niemand etwas von «Monsieur 100 000 Volt», nämlich dem französischen Chansonnier Gilbert Bécaud (1927–2001), dem man wegen seines Temperaments diesen elektrischen Übernamen gab.

Item, die Konferenz wurde anlässlich der Hitze in einem recht gut durchlüfteten grossen Zelt im Park direkt am Comersee mit Riesenbühne und perfekt funktionierender Elektronik für Audiovisuelles abgehalten. Auf vier grossen Leinwände, perfekt im Zelt platziert, konnte jeder Anwesende nicht nur hören, sondern auch sehen, was sich auf der Bühne abspielte. Das schönste Kunstwerk im Konferenzzelt war die grosse Flagge als Patchwork genäht mit dem Konferenzlogo und allen Flaggen der anwesenden Nationalitäten. Wer kann solches in wie viel Zeit mit wie viel Hingabe und Geduld wohl nähen? Ratet mal, welche Flagge wurde verkehrt aufgenäht?

Das, was eine Altpfadikonferenz ausmacht

Zur Eröffnung der Konferenz am späteren Montagnachmittag kam eine «lucia», ein kleines typisches Comerseeboot, mit ein paar Pfadibuben, verkleidet als Römer und Briefeschreiber Gaius Plinius Secundus von Novum Comum (aqua), als Architekt und Rationalist Giuseppe Terragni (terra) und als Physiker und Erfinder Alessandro Volta (aria), an Bord über den See gerudert und brachte die zusammengerollte Länderflaggenbahn, die später als Kulisse die Bühne zierte, zu uns ans Gestade. Sie wurde aufgerollt und wanderte durch viele Teilnehmerhände durch den Park bis zum Zelt. Der Fahnenaufzug auf den kunstvoll mit Tauen und Holz gezimmerten Fahnenturm neben dem ebenso kunstvollen Lagertor am See unter Anwesenheit einer ganzen Reihe von Würdenträgern der Stadt Como und der örtlichen Behörden, zahlreichen aktiven Pfadi und vielen Teilnehmern in Landes- oder Pfaditracht (vom Araber über malaiisch-dezente Deux-pièces bis zur farbenfrohen Calipso Woman aus der Karibik) war recht feierlich.

Abends, zum Apéro am ersten Tag, verteilten die Teilnehmer, wiederum in ihren Landes- oder Pfaditrachten, an einer langen Reihe von Tischen unter den Parkbäumen die vom OK verlangten, mitgebrachten Leckereien aus ihren Ländern. Der Vacherin fribourgeois, Gletscherkäse und Wein von Marc Barblan/Marsouin und mein Riesenhaufen Zürcher Weinländer Schüblig fanden Anklang. Araberin kommt, riecht genussvoll am Schüblig, fragt: Is this porc? Antwort: Oh, yes. Kurzes Innehalten – und weg war das Wurststück, und gleich noch eines. Und ein Italiener sagte mir, das schmecke ihm besser als die beste Salami. Fast ausnahmslos alle anderen Länder hatten für ihr Land typische Süssigkeiten in rauen Mengen mitgebracht, die nie und nimmer aufgegessen werden konnten. Deshalb war wohl unser salziges Angebot zu einem Becher Wein ein Renner und wurde rübis und stübis weggeputzt.

Die Woche verging leider wie im Flug, wie immer, wenn man viel Schönes erlebt. In verschiedenen Sälen der Villa gab es viel zu sehen: Pfadimaterialverkaufsstellen, Pfadiausstellungen (darunter die der italienischen Pfadi, viele schön geschmückte Ausstellungstafeln aus verschiedenen Ländern und fabelhafte Schätze von Pfadiphilatelisten), Sonderpoststempel zur Konferenz, Anschlagbretter (immer auf dem neusten Stand), Stellwände mit Interessantem, die Pigeon Holes (Briefkästen für jedes Teilnehmerland) und nicht zuletzt die Pfadibibliothek. Es ist unglaublich und auch schön zu wissen, wie viel gute Pfadiliteratur – und vor allem zeitgenössische, zum Teil sogar ins Englische übersetzt – in Italien existiert. Da bleibt ebenfalls nur zu sagen: Bravo, bravissimo! Zudem standen in der grossen Eingangshalle der Villa ein paar PCs mit Internetanschluss allen gratis zur Verfügung.

Die Verpflegung mittags und abends in einem langen Zelt mit Festbänken hinter der Villa liess leider etwas zu wünschen übrig – die gute und einfache italienische Küche, die so geliebt wird in aller Welt, blieb bei der Cateringfirma, auf die sich die Organisatoren verlassen haben, völlig auf der Strecke. Schade. Man würde ohne weiteres gern aus Plastikgeschirr essen, wenn dasselbe, aber gut, schmackhaft und gargekocht auf dem Teller wäre. Kein Bravo, bravissimo. Aber gemach! Könnten wir es wohl besser für so viele Menschen, die alle zur selben Zeit essen müssen? Doch wir sind ja eigentlich nicht des Essens wegen nach Como gereist und für 70 Euro pro Tag und Person (ohne Reise), wenn man in einem guten Hotel mit bewachtem Gratisparkplatz und feinem Frühstücksbuffet im Doppelzimmer nächtigte, war das Ganze absolut nicht zu teuer. Die Stimmung im Essenszelt war jedenfalls zwar laut, aber immer fröhlich, die Helfer lustig und sehr zuvorkommend und Mineralwasser, Rotwein, Weisswein gratis à discrétion – und als Tafelwein gar kein schlechter Tropfen.

Am Ausflugstag verstreuten wir uns in alle Winde, die einen mit dem Schiff auf den See, die andern nach Como oder Mailand oder nach Courmayeur im Aostatal. An der Weltmarkt-Veranstaltung mit Extra-Weltmarkt-Papiergeld unter der umsichtigen Regie des Weltratsmitglieds Linda Bates aus Kanada hatten wir einen Marktstand. Mit dem Verkauf von Sachen und Kuriositäten, die ich von vielen Pfadikonferenzreisen aus aller Welt mit nach Hause gebracht hatte, von Schweizer Souvenirs, von Pfadipostkarten aus dem Sortiment der Pfadibibliothek und Archiv Buttes und von einem teuren Schweizer Sackmesser von Marsouin rund 300 Euro ein, die wir für die ehemaligen Pfadi in Polen bestimmt hatten. The Great Game, das Grosse Spiel, fand für Liebhaber solcher Sachen in Gruppen mit gleicher Ziffer auf dem Konferenzbadge viermal nach der Konferenz in den zwei, drei Stunden vor dem Nachtessen statt. Dabei galt es Plätze, Dinge oder «Comer Berühmtheiten» zu finden und zu fotografieren und Gedichte zu schreiben. Bei Erfüllung erhielt man den Umschlag mit der Aufgabe für den nächsten Tag. Das war recht lustig und man kam in der Gegend herum und hatte trotzdem noch reichlich Zeit für anderes.

Auch die Ambassador Guild lud ein zu ihrem gewohnten Apéritif, damit sie ihren Mitgliederbestand aufstocken kann. Neue Vorsitzende ist die ehemalige ISGF-Präsidentin Martine Levy aus Frankreich als Nachfolgerin des dänischen Paulli Martin, ebenfalls ehemaliger ISGF-Präsident. Statt am gewohnten Lagerfeuer wurde im Konferenzzelt gesungen und Gruppen aus vielen Ländern führten ihre Produktionen, manchmal in fantansievoll-bunten Gewändern, auf. Am zweitletzten Abend um halbzehn feierten wir in der Altstadt auf der Piazza San Fedele vor der Basilika San Fedele eine interreligiöse Pfadiandacht. Der Platz war «graglet» voller Bänke mit Menschen drauf und sie alle hielten ein Windlicht. Auch Passanten aus Como nahmen teil. Neben mir stand eine junge Comer Wölflimutter, die zufällig hier vorbeikam, mit einem Windlicht in der Hand. Das Textheft mit der Übersetzung f/e des italienisch Vorgetragenen war vielen eine grosse Hilfe. Alle, ob Christ, Muslim, Hindu, Jude oder Gläubiger einer anderen Religion oder keiner Religion Angehöriger brachten eine Handvoll farbiger Salzkristalle nach vorn und trugen zum grossen Regenbogen auf der Leinwand am Boden bei. Die Atmosphäre, das riesige ISGF-Signet aus Glas und Salzkristallen, das Lichtermeer und die Canzoni und Gedichtvorträge der jungen Rovergruppe waren zauberhaft.

Für Interessierte gab es ab Sonntag eine sechstägige Nachkonferenzreise mit Car und Zug: Kartäuserkloster von Pavia, Gardasee, Padua, Venedig, Florenz und Mailand. Wir genossen stattdessen unsere zweitägige Heimfahrt via George-Clooney-Villa am Comersee, Veltlin, Puschlav, Berninapass, Engadin, Albula, Lenzerheide bei strahlend-goldenem Herbstwetter.

Die Konferenz

Die Konferenz startete mit dem flotten Einmarsch der jungen Flaggenträger/-innen und ging Tag für Tag zügig voran, alle Traktanden hatten Platz und sie konnte am Samstag pünktlich und feierlich mit dem Fahnenabzug abgeschlossen werden. Während der ganzen Konferenz wurde professionell simultan ins Französische, Englische und Italienische übersetzt. Geleitet wurde die Konferenz von Carol Bowen aus England, Riccardo della Rocca (Präsident MASCI) und Faouzia Kchouk (ISGF-Generalsekretärin). Die Konferenz konnte die zwei neuen assoziierten Mitglieder (noch nicht Vollmitglieder) Zambia und Burkina Faso begrüssen. Die Schweizer Delegation verpasste nie den berühmten und strengen Roll Call (Appell), der den Delegierten das Stimmrecht garantierte. In verschiedenen Workshops wurde in den schönen Sälen oder draussen im Park ein neuer ISGF-Aktionsplan 2011–2014 erarbeitet. Professor Simone Morandini fesselte uns mit einer ungemein interessanten theo-anthropologischen Reflektion zum Motto der Konferenz «Common Goods: Water, Earth, Air», nach der er in sympathischer Art viele Fragen der Zuhörer, vor allem die Ethik und unsere gefährdete Umwelt betreffend, beantwortete.

Vier neue Weltratsmitglieder wurden von der Konferenz für die Amtsdauer von 6 Jahren gewählt: Virginia Bonasegale (Italien, OK-Präsidentin dieser Weltkonferenz in Como), Nana Gentimi (Griechenland), Verna Lopez (Curaçao) und Mida Rodrigues (Portugal): ein vierblättriges Frauenkleeblatt. Die übrigen Weltratsmitglieder für noch weitere 3 Jahre sind: Muftah Ajaj (Libyen), Abdelaziz Ben-Said (Marokko), Harald Kesselheim (Deutschland) und Paul Lokossou (Benin). Als neue Präsidentin ernannte der Weltrat Mida Rodrigues und als die beiden Vizepräsidenten Abdelaziz Ben-Said und Nana Gentimi. Nach Erfüllung der Amtsdauer von 6 Jahren sind ausgeschieden: Linda Bates (Kanada), Ales Cerin (Slowenien), Anne Dupont (Belgien), Brett D. Grant (Australien, Präsident seit der Weltkonferenz 2008 in Wien), Rigmor Lauridsen (Dänemark) und Mario Sica (Italien). So besteht wie beabsichtigt der ISGF-Weltrat nur noch aus 8 Mitgliedern, statt aus 10.

Für die 27. ISGF-Weltkonferenz bekam Sydney, Australien, am meisten Stimmen. Sie findet statt vom 19. bis 24. September 2014.

Also, denkt daran, wenn Ihr mal nach Australien wollt: See you downunder, three years ahead, buddies!

Esther Hausammann/Mungo